Weitere CED-Therapieansätze
Von Cannabis, Weihrauch und Wurmeiern
Während für milde Verlaufsformen der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen heute doch vielversprechende Medikationen zur Verfügung stehen, ist das therapeutische Arsenal bei komplizierten Erkrankungsmustern eher noch begrenzt. Die Forscher im Kompetenznetz sind stets auf der Suche nach neuen Behandlungsoptionen und prüfen hier fast jeden Ansatz – mag er zunächst auch noch so skurril anmuten.
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Im Schutzanzug und mit Gesichtsmaske reinigt Dr. Wolf-Gerald Koch in einem sterilen Labor vor den Toren Hamburgs Würmer, die Schweinen vorher das Leben schwer gemacht haben. Als Arznei aber könnten die Parasiten vielleicht das Leid von Menschen mit CED-Erkrankung lindern: "Im Schwein ruft der Wurm Krankheiten hervor, der Mensch aber ist kein so guter Wirt. |
Hier hält er sich nur zehn bis 14 Tage, vermehrt sich nicht und wird natürlich wieder ausgeschieden", schwärmt der Pharma-Hersteller über den Trichuris suis.
Mit diesem Peitschenwurm werden zunächst gesunde Schweine besiedelt, dann wird abgewartet bis die Würmer im Tier Eier ausgebildet haben. Anschließend werden die Vierbeiner von den schwangeren Parasiten befreit, die Würmer gereinigt und angeregt, Eier auszubrüten. Diese werden im weiteren unter strenger Kontrolle mehrfach gesäubert, schließlich von Wolf-Gerald Koch in einer klaren Flüssigkeit aufbereitet – als Cocktail, der dem CED-Patienten Linderung bringen soll.
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Und das tut er: so berichten jedenfalls drei von vier Crohn- und Colitis-Betroffene, die in den USA erstmals die Schweinewürmer geschluckt haben, im Rahmen einer Studie der Universität Iowa. Möglicher Grund für den Rückgang der Beschwerden: die Parasiten sind für die Vermehrung wichtiger Wächterzellen des Immunsystems bedeutsam. |
In früheren, weniger hygienischen, Zeiten kamen die Würmer im ntestinalen Biotop des Menschen noch vor - und brachten seinerzeit das Abwehrsystem zur Räson.
Denn während des Aufenthalts der Parasiten im menschlichen Darm vermehren sich spezifische Immunzellen, die wiederum die bei CED-Erkrankten auffallend zahlreich vorhandenen Entzündungszellen unterdrücken. Aktuelle Tiermodelle bestätigen das: werden CED-erkrankte Mäuse mit Eiern des Trichuris suis besiedelt, reduziert sich das Ausmaß ihrer Darmentzündung.
Und deshalb sind auch die Professoren im Kompetenznetz jetzt bereit, erstmals in Deutschland Studien mit den Parasiten durchzuführen. "Wir versprechen uns etwas von Präparaten, die die Immun-Antwort als Ganzes in ihrer Richtung verändern können", hofft "Kompetenznetz"-Sprecher Prof. Martin Zeitz vorsichtig auf die Würmer.
Im Moment warten die Kompetenznetz-Ambulanzen noch auf die Zulassung des unappetitlichen Gebräus als Medikament, die Hersteller Wolf-Gerald Koch beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zu erwirken versucht.
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Auch Berichte CED-Betroffener, die eigenmächtig Cannabis konsumiert haben und subjektiv eine Linderung ihrer Beschwerden verspürt haben, lassen die CED-Forscher nicht ruhen. Zumal auch Tierexperimente die positive Wirkung der Hanfpflanze auf Darmentzündungen bestätigt haben. Eine Studie der Münchener Universitätsklinik untersucht gerade wissenschaftlich die Wirksamkeit von Cannabispräparaten bei akutem Morbus Crohn. |
Bei der Suche nach Möglichkeiten, die Entzündungen des Darms zu lindern, wurde auch Weihrauch getestet, ebenfalls mit leicht zur Hoffnung Anlass gebenden Resultaten. So haben unter anderem Forscher der Universitätsklinik Mannheim nachweisen können, daß Patienten mit aktiver Crohn-Erkrankung eine Verbesserung ihrer Lebensqualität empfunden haben, wenn sie mit einem Extrakt aus dem Harz des indischen Weihrauchs, sogenanntem Boswelia Serrata Extrakt, behandelt wurden.
Und noch ein anderes Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung von CED-Patienten eröffnet möglicherweise neue Optionen der ergänzenden Behandlung: vor einigen Jahren konnte gezeigt werden, daß Colitis-Patienten eine auffallend verringerte Anzahl von Lactobazillen im Dickdarm haben. Bei Crohn-Betroffenen wurde gleichsam eine signifikant verminderte Menge an Bifidobakterien im Stuhl diagnostiziert. Diese Bakterien gelten aber durchaus als den Darm schützend. Da sie im CED-Patienten auffallend wenig vorhanden sind, wurden diese nicht krankheitserregenden Bakterien verdächtigt, eine Ursache für die Entstehung einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung darzustellen. Das versprach einen attraktiven therapeutischen Ansatz: die Darmflora über Probiotika positiv beeinflussen.
Probiotische Arzneimittel sind als vorbeugend oder therapeutisch angewandte, lebende physiologische Mikroorganismen beschrieben, die Erkrankungen zu lindern vermögen, die mit Störungen der körpereigenen Mikroflora in Verbindung gebracht werden. Und das ist bei CED nachweislich der Fall. Mittlerweile ist zumindest für die Colitis-Erkrankung die "Escherichia coli Nissle 1917"-Therapie anerkannt, wenn es darum geht, einen Patient nach einem akuten, aber bereits unter medikamentöser Therapie abgeklungenen Schub weiter zu behandeln.
Bei diesen vorgenannten Therapieansätzen ist allerdings unbedingt zu berücksichtigen: es liegen heute noch nicht in ausreichender Menge Studien vor, die die Wirksamkeit einer solchen Behandlung belegen würden.
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